Spitzensport
23.03.2020

Sailing at home - der OeSV-Blog

Besondere Zeiten benötigen besondere Herangehensweisen. Der „Arbeitsalltag“ eines Profisportlers hat sich seit dem Ausbruch des Coronavirus in Europa auf den Kopf gestellt. Das in vielen Bereichen praktizierte und notwendige Home-Office ist im Alltag eines Segelsportlers nur mit hoher Flexibilität und einer großen Portion Kreativität zu bewerkstelligen. Dennoch stellen sich Österreichs Profisegler geschlossen dieser Herausforderung. Denn eines ist gewiss: Gesundheit steht auch für den OeSV an erster Stelle. Auch deswegen gehen die Segel-Asse mit gutem Beispiel voran und begaben sich nach der Absage der Regatten vor Palma de Mallorca unverzüglich in eine freiwillige zweiwöchige Quarantäne. In diesem täglichen Blog berichtet das Nationalteam des Österreichischen Segel-Verbands, wie dennoch das Maximum aus dieser herausfordernden Situation geholt werden kann.

28. März – Ivan Bulaja
Neben den Athleten und Sportdirektor Matthias Schmid, die die letzten Tage durch ihr Quarantäne-Leben geführt haben, nimmt uns heute Ivan Bulaja mit in sein Home-Office in Zagreb. Der Kroate, selbst 2008 Olympionike, betreut die 49er Benjamin Bildstein und David Hussl und musste nach der Rückkehr aus Palma de Mallorca, aufgrund der noch strikteren Regeln in Kroatien im Zusammenhang mit dem Coronavirus, in Einzelquarantäne – für zwei Wochen, ohne seine Familie und Kinder. Für den Nachwuchs hat er mittlerweile aber wieder richtig viel Zeit und auch den Unterricht übernommen.

“Ich wäre so gerne am Wasser“, gibt Ivan Bulaja offen zu. „Das fehlt mir sehr.“ Mit den Athleten ist er täglich in Kontakt: viel Theorie wird durchbesprochen, die letzten Regatten werden detailliert analysiert, viel Fitness und Yoga gemacht. Der Olympia-Verschiebung kann der 49er-Coach auch Gutes abgewinnen: „Die nun verlängerte Vorbereitungszeit von zumindest einem Jahr gibt meinen Schützlingen die Möglichkeit, sich noch mehr zu verbessern und die Performance auf ein noch besseres Level zu heben. Daran arbeiten wir jetzt in der Theorie und hoffentlich bald wieder am Wasser.“ Und er ergänzt: „Wären wir noch vor wenigen Jahren in so einer Situation gewesen, hätten wir alle ein großes Problem gehabt. Aber dank der nun vorhandenen technischen Möglichkeiten lässt es sich fokussiert und auch konstruktiv weiterarbeiten.“

Ein Unglück kommt selten allein
Während der Coronavirus-Pandemie hat sich in der kroatischen Hauptstadt Zagreb am 22. März ein schweres Erdbeben ereignet. Auch Ivan und seine Familie waren von dieser Naturkatastrophe betroffen, hatten aber Glück im Unglück: „Gott sei Dank wohne und lebe ich in einer Gegend in Zagreb, die weniger in Mitleidenschaft gezogen wurde. Ein großer Riss in der Wand etwa erinnert uns täglich an das Erdbeben. Das Apartment mussten wir aber nicht verlassen.“



27. März - Sportdirektor Matthias Schmid

Nicht nur für die Athleten hat sich der Tagesablauf in der Quarantäne auf den Kopf gestellt auch für Sportdirektor Matthias Schmid stellen die geänderten Arbeitsbedingungen eine große Herausforderung dar, die er aber mit voller Tatkraft annimmt.

„Es ist für jeden eine Herausforderung. Nicht nur für Sportler, Betreuungsstab, Verband, sondern für die ganze Gesellschaft. Auch wir nehmen diese Herausforderung zum Wohle der Gesellschaft an“, sieht Schmid sein Team in der Verantwortung. In der Pflicht sieht der Sportdirektor aber auch den Verband den Sportlern gegenüber. „Man darf nicht vergessen, dass das Segeln nicht nur der Beruf der Athleten ist. Es ist vielmehr eine Lebensaufgabe. Die Sportler stecken alles an Energie, Zeit und sogar Geld in ihren Traum. Es liegt nun an uns – dem Verband – sie auch in etwas schwierigeren Zeiten zu unterstützen und, die unter diesen Umständen bestmöglichen Arbeitsbedingungen zu bieten“.

Nicht zuletzt deswegen hat der Österreichische Segel-Verband in kürzester Zeit eine Infrastruktur vergleichbar mit einer professionellen Firma auf die Beine gestellt. „IT-Technisch haben wir die letzten Tage einen großen Sprung gemacht, um das Beste aus der Situation herauszuholen. Wir sind in diesem Bereich nun richtig gut aufgestellt“, blickt Schmid auf arbeitsintensive Tage zurück.

Seit Tag 1 der Quarantäne glühen auch die Leitungen bei der Vielzahl an Video-Calls, Online-Coachings, Web-Präsentationen, etc. „Wir haben die Segler wahrlich mit einem vollen Terminkalender beglückt. Wir müssen vom Worst-Case ausgehen – nämlich, dass wir länger nicht aufs Wasser können. Deswegen gilt es die Zeit bestmöglich zu nützen. Es gibt vieles zu tun und da hilft ein durchgetakteter Tagesablauf“, weiß der ehemalige Profisegler. „Wir hatten in der Vergangenheit oft das Problem, dass wir viele Dinge nicht erledigen konnten, weil jede Minute auf dem Wasser ausgenützt wurde. Die Quarantäne bietet uns also eine gute Möglichkeit all diese Themen abzuarbeiten.“ Neben intensiver Fitnessarbeit stehen nun in Schwerpunktwochen theoretische Grundlagen, Metrologie, spezifische Regelkunde etc. am Programm. In der ersten Woche bekam jedes Klasse bereits die Möglichkeit einzelne Schwerpunkte auszuarbeiten und diese dann den anderen Klassen zu präsentieren.

Die Verschiebung der Olympischen Spiele sieht Sportdirektor Matthias Schmid pragmatisch „Der Countdown zu den Olympischen Spiele stand bereits bei vier Monaten. Alle Teams haben sich bestmöglich auf dieses Karriere-Highlight vorbereitet. jetzt ist der Countdown wieder auf 16 Monate hinaufgesprungen. In dieser Phase waren wir bereits, deswegen wissen wir genau was zu tun ist. Auch wenn noch ein paar Fragezeichen geklärt werden müssen.“


 

 

 

 

26. März, Matthäus Zöchling:
Die tägliche Routine gibt auch den Tag von Matthäus Zöchling vor: Um acht Uhr morgens geht’s für das Nachwuchstalent aus dem Bett und dann gleich für eine Stunde aufs Rad – praktisch und unerlässlich, der Rollentrainer.


Danach wird gefrühstückt, ehe – wie für das gesamte Nationalteam – das erste Meeting folgt. Taktik steht die gesamte Woche über auf dem Programm. Starts, Abwind, Annäherung an die Boje, Vorwind und Ziel sind die Schwerpunkte der letzten und nächsten Tage. Gemeinsam mit Thomas Zajac, Barbara Matz und seiner Segelpartnerin Laura Farese referiert das „Team Nacra“ über Vorwind und Zieleinlauf. Hierfür gibt’s dann meist am späten Nachmittag teaminterne Calls, um die Feinabstimmung für die Präsentation vorzunehmen. Dort ist dann auch Platz, um rein Nacra-spezifische Themen zu besprechen.

Die Physiotherapeutin im Haus
„Wenn die Mama Physiotherapeutin ist, dann hat man schon ein sehr großes Glück.“ Somit gibt’s zwischen Stabilisationseinheiten, Krafttraining und Yoga auch intensive physiotherapeutische Einheiten, fürsorglich betreut und eine ganz besondere Quality-Time, da Matthäus ja den Großteil des Jahres eh auf den diversen Meeren dieser Welt segelt und kaum daheim ist.

Wenn dann noch Zeit bleibt, entdeckt auch das Nachwuchstalent den Heimwerker in sich. In den letzten vier Tagen wurden die Wohnzimmerwende verspachtelt, geschliffen und ausgemalt. Und sonst stand Geige spielen auf dem Programm.




 

25. März, David Hussl:

Seit etwas mehr als einer Woche befindet sich David Hussl nun bereits in Quarantäne – daheim in Tirol. Der Bewegungsradius ist auf ein absolutes Minimum reduziert. „In Tirol sind alle Quarantäne-Richtlinien noch strenger ausgelegt als in Restösterreich“, weiß der 28-Jährige.

Bis jetzt ließe es sich aber „sehr gut aushalten“ – ohne Langeweile. Dass diese nicht aufkommt, hat sich David Hussl eine Routine auferlegt. Kurz nach sieben Uhr geht’s für den Segler aus dem Bett. Frühstück und dann startet am hauseigenen Ergometer die Ausdauereinheit. Viel Programm, was das Training betrifft, bekommt er auch von seinem Coach aus dem Olympiazentrum – fast täglich sind die beiden im Austausch. Auch koordinative und kognitive Einheiten werden absolviert, mittlerweile auch schon mit neuem Equipment.

Aber nicht nur körperliche Schwerpunkte werden gesetzt: Teammeetings – zumeist am Vormittag und natürlich online – stehen auf dem Programm. Gemeinsam mit Benjamin Bildstein hat das 49er-Duo in den letzten beiden Video-Konferenzen Präsentation über die Starts gehalten. „Damit haben wir uns in den letzten Wochen intensiv beschäftigt, auch weil das ein Schlüssel unseres Erfolgs war und wir wollten unsere Erfahrungen an das Teams weitergeben. Für mich selbst war es sehr spannend zu sehen, wie komplex unsere Routinen und Abläufe sind.“ Online-Einzelsessions mit dem Fitnesstrainer folgen ebenfalls im weiteren Tagesverlauf – und die sollen auch in Zukunft fixer Bestandteil sein. „Ich habe die Trainingsgeräte, mein Trainer schreibt mir einen Plan und durch die Video-Konferenz erhalte ich direktes Feedback.“

„Heimwerkerkönig“ als Abwechslung
Für die Abwechslung sorgt die Baustelle im Garten. Ein Parkplatz soll her, und dafür wird jede helfende Hand gebraucht – und Erdarbeiten, Schaufeln, Rasensteine verlegen und Betonieren passen auch gut als Training. Dass David im Wettkampfmodus bleibt, dafür sorgen Slackline-Duell mit dem Bruder. „Da haben wir uns ein wenig gechallenged.“ Zur Beruhigung geht’s dann für David Hussl ans Klavier, das in den letzten Jahren von ihm kaum mehr gespielt wurde. Und er gibt zu: „Ich habe schon mal bessere Zeiten gehabt.“ Aber jetzt ist ja Zeit, das ganze wieder aufzufrischen.







 

24. März, Lukas Mähr:

Wie heute verlautbart einigten sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die japanische Regierung auf die Verschiebung der Olympischen Spiele um zumindest ein Jahr. Für den Österreichischen Segel-Verband stellt die Verschiebung eine große Herausforderung dar. Athletensprecher Lukas Mähr, der sich gemeinsam mit seinem Partner David Bargehr mitten in der Qualifikation für die Olympischen Spiele befindet, nimmt im OeSV-Blog „Sailing at home“ unmittelbar Stellung.

„Die Entscheidung die Olympischen Spiele auf 2021 zu verschieben ist im Sinne des Sports und der Gesundheit die einzig richtige. Wir müssen jetzt unsere Pläne überarbeiten und uns neu auszurichten. Natürlich bleibt eine Menge offener Fragen, die wir gemeinsam mit unserem gutarbeitenden Team in Angriff nehmen. Aktuell zählt allerdings nur eines: weiterhin zu Hause und gesund bleiben“, berichtet der OeSV-Athletensprecher Lukas Mähr in einer ersten Reaktion.

Die Verschiebung der Olympischen Spiele ist allerdings nicht die einzige Herausforderung, der sich die Profisportler der Segelnationalteams aktuell stellen müssen. Die Athleten befinden sich aktuell in einer selbstauferlegten Quarantäne, in der Langeweile die letzte Sorge ist. „Wir haben einen fixen Tagesablauf. Nach dem Morgensport haben wir einen täglichen Workshop mit dem OeSV. Zusätzlich sind wir mit den Trainern und unserem 470er-Team im ständigen Kontakt über Video-Chat“, beschreibt der 470er-Vorschoter die geänderten Arbeitsbedingungen. Abgerundet wird das straffe Tagesprogramm mit einem genauen Ernährungsplan, sowie Sportpsychologie und Fitness – alles über virtuelle Kanäle.

Ganz alleine befindet sich der Bregenzer allerdings nicht. Da sich Lukas direkt von Palma in die Heimquarantäne in Vorarlberg begeben hat, ist auch sein Boot vor der Tür. „Neben dem Kampf gegen den Sand, der aus Palma mitgekommen ist, erledige ich einige Servicearbeiten. Es ist wichtig, dass nicht nur wir, sondern auch unser Material im besten Zustand bleibt.“ Für beides sorgt der Vorschoter vorbildlich.

Vorbildlich ist auch die Einstellung des 29-Jährigen Profiseglers: „Wir haben als Profisportler eine Vorbildwirkung, die wir unbedingt erfüllen wollen. Deswegen lautet meine Bitte an alle: bleibt im Moment zu Hause. Auch wir bleiben zu Hause und nehmen im Kauf, dass uns die Konkurrenz aus anderen Kontinenten in Sachen Wasserstunden überholen wird. Wir arbeiten aber in allen anderen Bereichen enorm hat, um jederzeit ready zu sein, sobald es wieder los geht.“



 

23. März, Tanja Frank:

Der Start im „Sailing at home Blog“ gehört der Vize-Weltmeisterin von 2018, Tanja Frank (23. März 2020):

Tanja Frank befindet sich bereits seit neun Tagen in Quarantäne. „Gerade als Segelsportler verbringen wir normalerweise die meiste Zeit an der frischen Luft. Die Umstellung, dass wir im Moment nicht nach draußen dürfen ist natürlich riesengroß“, erzählt die 49er-FX-Steuerfrau über ihre veränderten „Arbeitsbedingungen“. An Trainingsmöglichkeiten fehlt es der 27-jährigen Wienerin allerdings nicht. Laufband, Rad-Ergometer, Crosstrainer, Gewichte und vieles mehr sind aktuell in Dauerverwendung. Da das Trainieren gemeinsam immer leichter fällt, wird dabei auch gerne ein weiterer Trainingsgast per Videotelefonie dazugeschaltet.

Motivation durch Routine
Besonderen Wert legt Tanja Frank auf die tägliche Routine. „Der geregelte Tagesablauf hilft dabei, dass mir die Decke nicht auf den Kopf fällt“, so Frank. Zeitig Tagwache, ausgewogenes Frühstück und von 08.00 – 10.00 Uhr „gemeinsames“ Training – natürlich von zu Hause – so startet die Olympia-Bronzemedaillengewinnerin von 2016 in den Tag. Nach der körperlichen Ertüchtigung wird bei Online-Meetings mit den Trainern "Hirnjogging" betrieben.

Nach weiteren zahlreichen Skype-Sessions und Übungen wird der Tag mit dem obligatorischen „Yoga-Abend“, geleitet von Sportpsychologin Krisztina Bóna, beendet.
 


Medientermine aus der Quarantäne
Zum Tagesgeschäft eines Profisportlers gehören natürlich auch Medientermine. Zahlreiche Sprachnachrichten werden dabei über e-Mails oder WhatsApp an Journalisten gesendet. Für den ORF wurde aber auch bereits ein Interview für Sport am Sonntag über Videotelefonie aufgezeichnet. „Natürlich ist das über das Handy etwas ungewohnt. Mittlerweile ist vieles davon aber bereits ganz normal geworden. Natürlich wären mir die persönlichen Kontakte aber lieber und ich freu mich bereits, wenn dies wieder von Face to Face möglich ist“, so Frank.

Botschaft an die Gesellschaft
Tanja Frank ließ es sich nicht nehmen auch noch eine Botschaft an die Segel-Community zu senden: „Wir stehen das gemeinsam durch. Das Wichtigste ist, dass wir uns alle gegenseitig unterstützen. Auch wenn wir uns in einer harten Zeit befinden, müssen wir jetzt alle an einen Strang ziehen. Je mehr sich jeder Einzelne an die Ausgangsbeschränkungen hält und umso positiver wir mit dieser Situation auch umgehen, desto schneller und leichter können wir in die Normalität zurückkehren.“

>> zum Beitrag von Sport am Sonntag


Artikel in "die Presse"


Tanja Frank (rechts unten) beim „gemeinsamen“ Ergometer-Training mit Laura Farese.