News
13.04.2017

Massimo Dighe im Interview über die Zukunft des paralympischen Segelns

Massimo Dighe, der italienische Segler nahm an den Paralympischen Spielen 2012 in London in der Sonar-Klasse teil. Im Juli 2016 wurde er zum Para World Sailing Manager im Internationalen Segelverband World Sailing ernannt. Text und Interview stammen Andreas Ryll von bordreporter.com.

Die Amtszeit von Dighe, geboren 1976 in Iseo (Provinz Brescia) und seit 2006 begeisterter Segler, umfasst als eine der Hauptaufgaben, die Wiederaufnahme des Segelsports ins paralympische Programm. Mit einer neuen Para-World-Sailing-Strategie für die Jahre 2017 bis 2020 will er dazu beitragen, das Internationale Paralympische Komitee (IPC) dazu zu bewegen, das paralympische Segeln ab 2024 wieder ins Programm aufzunehmen. Er ist seit seiner Geburt querschnittsgelähmt.

Andreas Ryll: 32 Nationen müssen an den internationalen Wettbewerben teilnehmen, damit das paralympische Segeln wieder ins paralympische Programm aufgenommen wird. Nach dem paralympischen Aus hatten viele Nationen ihre Förderung reduziert oder sogar eingestellt, weil Segeln nicht bei den nächsten Paralympischen Spielen in Tokio dabei sein wird. Welche Massnahmen trifft World Sailing aktuell? Und wie werden diese Vorhaben finanziert?

Massimo Dighe: Aktuell planen Para World Sailing und World Sailing die diesjährigen Wettbewerbe zu unterstützen. Wir haben mit GAC Pindar, eines der weltweit wichtigsten Unternehmen in der Logistikbranche, eine Vereinbarung erzielt. Das Unternehmen wird den Transport von Booten und Material zu verschiedenen Veranstaltungen, ohne dass dafür Kosten entstehen, übernehmen. Wir wissen, dass die Situation für viele Nationen schwierig ist, da sie ihre finanzielle Förderung annulliert oder reduziert haben. Aus diesem Grund haben wir ein Budget zur Unterstützung der Segler und Schwellenländer definiert, die an zwei großen Veranstaltungen des paralympischen Segelns, dem World Cup in Hyères und der Weltmeisterschaft der Paralympischen Klassen in Kiel, teilnehmen möchten.

… und was kann mit diesem festgelegten Budget finanziert werden? 

Es dient den Athleten für die Charterkosten der Boote und für einen Beitrag der Reise- und Anmeldungskosten zu den Wettbewerben.

Was müssen die Sportler machen? 

Derzeit haben wir allen Athleten und Verbänden einen Fragebogen zugestellt, um einen Einblick in die wichtigsten Forderungen zu bekommen. Wir benötigen diese speziellen Anfragen, weil die Bedürfnisse der Nationen völlig verschieden sind, oft hängt das vom geographischen Kontext ab. Jeder Verband hat andere Probleme und wir wollen dort gezielt eingreifen.

Vom 22. bis 25. Januar 2016 haben Sie als einer der Vertreter von World Sailing an der ersten Sitzung des “PDP – Paralympic Development Program” im Club Nautico Mar Del Plata in Argentinien teilgenommen. Im Rahmen dieser Veranstaltung wurde das Seminar “PDP-Clinics durchgeführt. Wie funktioniert dieser Bestandteil der neuen Para-World-Sailing-Strategie?

Das Entwicklungsprogramm des “Paralympics Strategic Plan” enthält eine Reihe von “PDP-Clinics-Seminaren” in Schwellenländern oder Nationen, die ihr Niveau des paralympischen Segelns weiterentwickeln möchten. In der Praxis geht es hierbei um einfache Einführungsseminare. Diese Treffen sind an Nationen gerichtet, die keine weitreichende Programme haben oder nicht ausreichend Unterstützung von ihren Verbänden erhalten. Sie werden in einem Land des jeweiligen Kontinents organisiert. Nach diesem ersten Seminar in Buenos Aires sind drei weitere in diesem Jahr geplant. Als Nächstes in Hong Kong für die asiatischen Nationen, danach in Frankreich mit den nordafrikanischen Nationen und zum Abschluß in Polen. Wir haben bereits weitere Anfragen für 2018 erhalten. Unser Entwicklungsprogramm enthält auch ein “Tutoring-Project” für die Nationen, die bereits Programme haben. Darüber können sie andere Nationen, in der Regel mit Fördermitteln, Sportlern, Trainern und Ausrüstung unterstützen.

Wurden bereits solche Projekte in die Praxis umgesetzt? 

Die baltischen Staaten haben kein paralympisches Segelprogramm und Schweden, das dank mehrerer paralympischer Segelzentren eine sehr gute Struktur besitzt, hat eines davon, einige Boote und deren Projektentwicklung zur Verfügung gestellt, um damit den Ostsee-Anrainernationen, wie Estland, aktiv zu helfen. Dies ist sehr wichtig für uns, weil wir somit die Reise- und Logistikkosten für die kleinen Nationen reduzieren. Darüber hinaus ermöglicht diese Initiative, wettbewerbsfähige Regatten innerhalb dieser Nationen zu organisieren, aber auch gemeinsame Segeltörns.

… und darüber hinaus?

Darüber hinaus wollen wir mit spezifischen Seminaren zum Thema “Hochleistungssport” das Wettbewerbsniveau der Athleten ausbauen. Es ist wichtig auch die generellen Kenntnisse des paralympischen Segeln zu verbessern. Oft kommt es vor, dass Interessierte nicht wissen, an wen sie sich wenden können, wenn sie paralympisches Segeln praktizieren möchten. Unser Ziel ist es, dass die Trainer und Athleten ihr Wissen darüber an andere lokale Segelclubs weitergeben.

Was müssen die Verbände machen, um ein “PDP-Clinics” zu organisieren? 

Wer sich unabhängig oder zusammen mit anderen nationalen Verbänden für die Ausrichtung eines Seminars entscheidet, sollte eine Anfrage bei World Sailing einreichen. Nach einer positiven Beurteilung laden wir alle Verbände des jeweiligen Kontinents ein. Es gibt aber eine begrenzte Anzahl an Teilnehmerplätzen, basierend auf den zur Verfügung stehenden Booten. World Sailing trägt 50% der Kosten und unterstützt vollständig die Kosten für Boote, Trainer und das “Safety Board”. Außerdem übernehmen wir die Kosten für Reise, Unterkunft und Verpflegung der Athleten. Die “PDP-Clinics” verursachen minimale Kosten für den ausrichtenden Verband.

Während des ersten Treffens in Buenos Aires wurden auch Seminare zum Thema “disability awareness course” und “technical course for coaches – TCC” präsentiert. Was kann man von diesen Initiativen erwarten?

Jährlich veranstaltet unser “Development Department” technische Trainerkurse, basierend auf drei verschiedenen Ebenen, vom Grundkurs bis zum Aufbaukurs mit internationalem Zertifikat. Es ist unser Ziel während dieses Seminars, sich mindestens einen Tag auf das Wissen über Behinderung zu konzentrieren. Damit sich jeder Trainer auf die Bedürfnisse von behinderten Seglern vorbereiten kann. Und es ist sehr wichtig, das wir mit dem “disability awareness course” auf lokale Segelvereine eingehen. In der Regel, wer sich für Segeln interessiert, richtet sich an seinen Segelclub in der Nähe. Daher sollten diese Strukturen zumindest minimale Kenntnisse des paralympischen Segeln haben.

Lassen Sie uns über die diesjährige Weltmeisterschaft der Paralympischen Klassen in Kiel und den kommenden World Cup in Hyères sprechen. Im aktuellen Monatsbericht (02/17) lese ich, das folgende Bootsklassen vorgesehen sind: 2.4 mR One Design, WETA Trimaran und HANSA 303, aber bei internationalen Wettbewerben sind auch SKUD 18 und SONAR eingeplant. Bitte verdeutlichen Sie mir diese Entscheidungen?

Der 2.4 mR wird in allen Etappen der World-Cup-Serie 2017/2020 starten. Diese Bootsklasse steht nicht zur Diskussion. In Hyères wird nur der 2.4 mR an den Start gehen und wahrscheinlich auch im Finale der World-Cup-Serie 2017 in Santander.

Die HANSA 303 ist eine neue Klasse. Dieses weniger technische Boot ist geeignet neue Nationen und neue Segler zu gewinnen. Es ist auf der ganzen Welt verfügbar, leicht zu transportieren und erfordert wenig Wartung. Also ein Boot für Segler, die sich zum ersten Mal der Welt des Segelns nähern. Außerdem gibt es für diese Bootsklasse bereits internationale Wettbewerbe, wie auch Welt- und Kontinentalmeisterschaften.

Auch der WETA ist eine neue Bootsklasse. Es handelt sich hier um einen Trimaran, geeignet für erfahrene Segler. Dieses Boot ermöglicht spektakuläre Regatten und bietet ein höheres Maß an Wettbewerbsfähigkeit.

Nach welchen Kriterien wurden diese Boote ausgewählt? 

Die Auswahl erfolgte auf der Grundlage von zwei durchgeführten Tests. Diese wurden im Mai 2016 während der “Garda Trentino Olympic Week” in Malcesine am Gardasee und im Juni 2016, unmittelbar nach der Weltmeisterschaft im Paralympischen Segeln in Medemblik durchgeführt. Wir haben Daten aus 60 Fragebögen erhoben und eine Gruppe aus Klassifizierungsexperten, Seglern und Trainern von World Sailing gebildet.

Also ist die Zukunft von SKUD18 und SONAR unsicher? 

SKUD18 und SONAR sind wichtige Boote, aber in der Vergangenheit haben sie besondere Probleme in der Logistik verursacht, da es sehr sich um große Boote handelt. Außerdem muss die Mixed-Crew im SKUD aus einer Seglerin und einem Segler mit unterschiedlichen Behinderungsgraden bestehen.

Wie wurden die nationalen Verbände und Athleten in diesen Entscheidungsprozess involviert? 

Mit dem Newsletter Februar haben wir einen Fragebogen versendet, um die Beteiligung an den kommenden internationalen Wettbewerben einschätzen zu können. Wir möchten SKUD und SONAR grundsätzlich nicht ausschließen, um die Nationen nicht zu benachteiligen, die in den letzten Jahren in diese Klassen investiert haben.

Bis wann muss der Fragebogen eingereicht werden? 

Bis zum 25. Februar. Für die WM in Kiel steht die Teilnahme in allen fünf Klassen offen: 2.4 mR, SKUD18, SONAR, HANSA303 und WETA. Wir überprüfen bisher nur die Anzahl der Teilnehmer. Bisher gibt es sehr wenige Anmeldungen im SONAR, was ich aus den Gesprächen mit einigen nationalen Verbänden entnommen habe. Wir beabsichtigen die Teilnehmerzahl auf dem gleichen Niveau der vergangenen Wettbewerbe zu halten, wollen aber die Teilnahme erhöhen.

… daher ist die Auswahl der Klassen noch nicht endgültig? 

Die Bootsklassen für Kiel sind bereits definiert, aber wir überprüfen das “Para World Sailing Equipment” weiter, bevor eine endgültige Entscheidung zum Vorschlag für die Wiedereinführung des Paralympischen Segeln ab 2024 beim Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) von uns eingereicht wird.

Aber bis heute ist der Vertrag zwischen World Sailing und dem Organisationskomitee der Weltmeisterschaft in Kiel noch nicht unterzeichnet. Warum?

Der Vertrag nimmt noch etwas Zeit in Anspruch, weil wir alles versuchen um die maximale Synergie zwischen World Sailing und den Organisatoren der Kieler Woche erzielen zu können. Wir sind zuversichtlich, dass der Vertrag in Kürze unterzeichnet wird. Inzwischen arbeiten wir bereits an der Definition der “Notice of Race” für diese Weltmeisterschaft.

Ist eine Überarbeitung der Rennformate geplant? 

Ja, wir prüfen derzeit neue Rennformate. Wir möchten Rennen mit einer Dauer von 45 oder 60 Minuten in Rennen von 20 oder 25 Minuten ändern. Damit könnten auch spektakuläre Wettbewerbe entstehen. Wir denken auch über ein “Stadium Racing Format”, nach dem Modell “America’s Cup World Series” nach. Damit könnten wir Regatten verständlicher für die Zuschauer machen. Ein Rennen, drei Kilometer vor der Küste, ist nicht leicht zu verfolgen und spektakuläre Rennen in Publikumsnähe ermöglichen auch eine stärkere und bessere Berichterstattung in den Medien.

Die Notwendigkeit der Kostenreduzierung bei Para Sailing Events sollte durch stärkere Inklusion geschehen. Das würde bedeuten ein inklusives Wettbewerbsprogramm zu entwickeln, das unterschiedliche Kategorie von Behinderungen integriert, und das zudem auch mehr Frauen und Jugendliche mit einer Behinderung fördert. 

Bereits heute ist Segeln eine der wenigen Sportarten, mit starker Inklusion auf paralympischer Ebene. Es gibt Regatten, bei denen Segler mit und ohne Behinderungen gemeinsam in der gleichen Klasse antreten. Beispielsweise, wird in der 2.4 mR ein Open World Championship mit hunderten Teilnehmern organisiert. World Sailing wird auch weiterhin eine oder mehrere paralympische Regatten in jeder Etappe des World Cups austragen. Die Klasse 2.4 mR wird auf jeden Fall bis zum Jahr 2020 im World Cup dabei sein.

Es stimmt auch, das wir die weibliche Präsenz erhöhen müssen, aber unsere Anstrengungen treffen auf ein allgemeines Problem im Sport. Denn nur 25% und 30% Frauen mit einer Behinderung stehen den männlichen Aktiven in unserem Sport gegenüber.

Wir müssen auch Menschen mit kognitiven Behinderungen für den Segelsport gewinnen. Daher haben unsere Vertreter an Klassifizierungsseminaren vom International Paralympic Committee teilgenommen, in denen die bessere Integrierung behandelt wird. Ganz wichtig ist sicherlich mehr junge Menschen für das Segeln zu begeistern, aber auch hier erleben wir, das Jugendliche ohne Behinderung früher mit dem Segelsport, als junge Menschen mit einer Behinderung beginnen.

Welche nächsten Veranstaltungen sind dazu geplant? 

Segeln wird zum ersten Mal bei den Paralympischen Jugend-Europameisterschaften im Oktober in Genua ausgetragen. Auch Argentinien – das Gastgeber der Paralympischen Jugend-Spiele 2018 – arbeitet daran, dass Segeln ins Wettbewerbsprogramm aufgenommen wird.

Das Zitat des französischen Schriftstellers Sebastian-Roch Nicolas de Chamfort sagt: “Der Pessimist beschwert sich über den Wind und …” Was sagt der Optimist?

… er wartet, dass der Wind sich ändert.

Und der Realist? 

Der Realist passt die Segel an!

Würden Sie sich als Realist für konkrete Maßnahmen bezeichnen? 

Wir versuchen unser Bestes zu geben, mit dem was wir haben. Aber wir möchten uns verbessern. Wir wissen jedoch, dass wir, wie in einem Boot, nicht alles selbst erreichen können. Deshalb brauchen wir die aktive Beteiligung der Athleten, Verbände und Personen, die in der Welt des Segelns aktiv sind. Die Vision der Athleten ist uns wichtig und die unterscheidet sich von Nation zu Nation. Alle Meinungen sind uns wichtig, um dann Entscheidungen zu treffen, die sicher nicht alle zufriedenstellen können.

Wird man Sie in den nächsten Segelwettbewerben sehen? 

Nach werde ich nicht an Regatten teilnehmen, aber ich möchte auf jeden Fall in Hyères und Kiel sein.

Also liegt ihr Fokus ausserhalb der Regattabahnen? 

Mein erstes Ziel und auch das von World Sailing ist es, die erforderliche Anzahl an Nationen zu bekommen, so dass wir die Wiedereinführung des paralympischen Segeln ab 2024 erreichen können. Daran arbeiten wir, weil wir das vor allem unseren Sportler verdanken, die sich wie ich, dem Segeln genähert haben. Dieser Sport hat dazu beigetragen, das viele Menschen mit Behinderung integriert werden. Dafür engagieren wir uns außerordentlich, nicht nur für das Ansehen vom World Sailing, vor allem aber, damit der Traum von der Teilnahme an den Olympischen Spielen in unseren Athletinnen und Athleten weiterlebt.